7. Oktober 2026

Die Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Studienwahl

Die Studienwahl stellt eine bedeutende Weichenstellung im Leben dar. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema liegt der Fokus zumeist auf persönlichen Interessen, Leistungsvoraussetzungen und Aspekten des Arbeitsmarkts. Doch welche Rolle spielt die Persönlichkeit bei der Entscheidung für ein Studienfach? Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen systematisch in ihren Persönlichkeitsmerkmalen unterscheiden.

Eine dänische Studie von Vedel et al. aus dem Jahr 2015 mit über 1000 Probanden deckt folgende interessante Zusammenhänge zu den Big Five Merkmalen auf.

  • Studierende der Psychologie und der Geisteswissenschaften zeichnen sich im Durchschnitt durch hohe Offenheits- und Verträglichkeitswerte aus, zeigen aber vergleichsweise auch hohe Neurotizismus-Werte.
  • Wirtschaftswissenschaftsstudierende sind in der Regel extravertierter, aber weniger verträglich.
  • Studierende naturwissenschaftlicher Fachrichtungen wiederum weisen im Allgemeinen eine besonders hohe Gewissenhaftigkeit auf. Gering fällt hingegen die Ausprägung auf dem Merkmal der Extraversion aus.
  • Kunst- und Musikstudierende sind besonders offen für neue Erfahrungen, während Medizinstudierende schliesslich im Durchschnitt eine ausgeprägte Kombination aus Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit zeigen.

Wie im Ausbildungsbereich allgemein beeinflussen einzelne Big Five Merkmale auch den Studienerfolg. Vor allem Gewissenhaftigkeit gilt als stabiler Prädiktor für hohe akademische Leistungen, jedoch mit Unterschieden je nach Fachrichtung.

Neben den Big Five gibt es weitere Persönlichkeitsmerkmale, die mit der Studienwahl zusammenhängen. Ein besonders auffälliges ist Machiavellismus, ein Merkmal der sogenannten «Dunklen Triade«. Machiavellistisch veranlagte Personen zeichnen sich durch strategisches Denken, Manipulationsgeschick und einen pragmatischen, oft zynischen Umgang mit anderen aus. Studienergebnisse (Gruda et al., 2023) legen nahe, dass insbesondere Wirtschafts- und Politologiestudierende durchschnittlich höhere Machiavellismus-Werte aufweisen als andere Gruppen. Im Gegensatz dazu haben Studierende der Geistes- und Sozialwissenschaften tendenziell niedrigere Werte in diesem Bereich, was mit ihrer ausgeprägteren Verträglichkeit und Empathie in Verbindung gebracht werden kann.

Nun stellt sich rasch die Frage, ob es sich bei den feststellbaren Unterschieden in der Persönlichkeit wirklich um die Studienwahl beeinflussende Faktoren handelt oder ob nicht eben genau umgekehrt erst das mehrjährige Studium einer bestimmten Disziplin zur Ausprägung entsprechender Persönlichkeitsmerkmale führt. Und wie praktisch immer bei dieser Frage legen Forschungsergebnisse eine sich gegenseitig verstärkende Wechselwirkung von Selektions- und Sozialisationseffekten nahe. Der Historiker Rutger Bregman weist in seinem Buch «Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit» auf Studien hin, die zeigen, wie Studierende der Wirtschaftswissenschaften im Verlaufe ihres Studiums zynischer werden und zunehmend davon ausgehen, dass Menschen grundsätzlich egoistisch handeln. Bregman argumentiert, dass dies nicht nur eine Frage der Selektion sei – also dass von Anfang an eher egoistisch denkende Menschen Wirtschaft studieren -, sondern das Studium selbst eine sozialisierende Wirkung habe. Durch das ständige Wiederholen bestimmter Theorien (wie das Modell des Homo oeconomicus, welches den Menschen als rationalen Nutzenmaximierer beschreibt) übernehmen die Studierenden mit der Zeit eine egoistischere Weltsicht, selbst wenn sie sich selbst nicht so sehen und erleben.

Letztlich bedeutet das aber alles keinesfalls, dass bestimmte Studienfächer für bestimmte Persönlichkeitstypen festgelegt sind. Es wäre sogar im Interesse einer offenen, pluralistischen und ausdifferenzierten Wissenschaft, entsprechende Selektions- und Sozialisationseffekte möglichst zu minimieren und nicht nur Studierende mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen anzuziehen oder Absolventen mit typischen Charaktereigenschaften herauszubilden.

Quellen:

Bregman, R. (2020). Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit. Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg.

Gruda, D., McCleskey, J. & Khoury, I. (2023). Cause we are living in a Machiavellian world, and I am a Machiavellian major: Machiavellianism and academic major choice. Personality and Individual Differences, 205, 1-5.

Vedel, A., Thomsen, D. K. & Larsen, L. (2015). Personality, academic majors and performance: Revealing complex patterns. Personality and Individual Differences, 85, 69–76.

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