In dieser Situation geht jedoch häufig etwas verloren, das für gute Entscheidungen zentral wäre: Freude am Erkunden neuer Welten.
Genau diese Neugier und Begeisterungsfähigkeit ist entscheidend, um passende Optionen zu entdecken und ein Studium zu wählen, das wirklich zu den eigenen Interessen passt. Wer sich trotz Unsicherheiten mit Lust und Offenheit auf die bunt gefächerte Studienwelt einlässt, wird fast immer mehr Möglichkeiten erkennen und eine passendere Wahl treffen als jemand, der vorschnell in Sorge verfällt und aus Angst an vermeintlich sicheren Standardfächern festhält. Die Bedeutung positiver Emotionen lässt sich mit der Broaden-and-Build-Theorie von Barbara Fredrickson (2001) erklären: Sie zeigt eindrucksvoll, dass positive Gefühle unseren Blick erweitern und den Aufbau neuer Ressourcen fördern. Gerade in der Studienwahl kann diese erweiterte Wahrnehmung helfen, vielfältigere Optionen zu sehen und neue Wege mutiger auszuprobieren. Währenddessen negative Gefühle nachweislich zu einer kognitiven Verengung führen und damit Handlungsoptionen reduzieren. Neugier und Entdeckerfreude sind daher ein zentraler Erfolgsfaktor – nicht nur bei der Studienwahl, sondern während der gesamten Bildungs- und Laufbahnentwicklung.
Die Studienwahl bietet jungen Erwachsenen die Möglichkeit, die eigene Zukunft bewusst entlang persönlicher Interessen und Fähigkeiten zu gestalten. Nach einem weitgehend vorstrukturierten Schulweg können sie nun eigene Motive, Stärken und Werte in den Vordergrund rücken. Selten verläuft der Weg zum späteren Beruf geradlinig: Studien können zu neuen Ideen führen, Hürden können die ursprünglichen Pläne verändern und häufig finden sich spannende Alternativen, an die zuvor nie gedacht wurde.
Eine erfolgreiche Orientierung setzt voraus, dass man sich vertieft mit der Hochschullandschaft und mit den eigenen Interessen auseinandersetzt. Neugier hilft dabei, diese Auseinandersetzung aktiv anzugehen. Interessanterweise entstehen viele Einschränkungen in der Studienwahl nicht durch äussere Faktoren, sondern durch innere Barrieren: vorschnelle Annahmen, mangelnde Kenntnisse über Studienangebote oder stereotype Vorstellungen darüber, “was man mit diesem Studium später machen kann”.
Studiengänge wie Psychologie, Betriebswirtschaft oder Medizin sind sehr bekannt und werden deshalb häufig gewählt. Wer sich nach einem gründlichen Abwägungsprozess dafür entscheidet, trifft eine gute Wahl. Doch das Spektrum ist viel breiter. Nur wenige wissen beispielsweise, was in Studiengängen oder Studienfächern wie Erdsystemwissenschaften, Prozessgestaltung, Kulturanthropologie, Hermeneutik, Computerlinguistik, Optometrie, Gräzistik, Mobility Science, Nanowissenschaften, Space Systems oder Kristallographie gelehrt wird – und welche faszinierenden Berufsmöglichkeiten sich daraus ergeben können. Die Vielfalt der Bachelor- und Masterstudiengänge an Schweizer Universitäten und Fachhochschulen lässt sich kaum überblicken; viele Bezeichnungen sind wenig selbsterklärend und bieten erst bei genauerer Betrachtung spannende Einblicke. Insbesondere sogenannte «Orchideenfächer» – also kleine, hochspezialisierte oder selten gewählte Studienrichtungen – werden bisweilen voreilig als «brotlos» oder überflüssig belächelt, eröffnen aber gerade durch ihren besonderen Blickwinkel neue Erkenntnisse und Denkwege. Sie können blinde Flecken beleuchten, kreative Innovationen fördern und dazu beitragen, gesellschaftliche und globale Fragestellungen differenzierter zu betrachten und zu lösen.
Freude an der Studienwahl entsteht nicht über Nacht. Eine positive Grundhaltung gegenüber der Hochschulwelt entwickelt sich langfristig und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Diese Freude kann gefördert werden, indem wir Möglichkeiten betonen, Interessen ernst nehmen, Stärken hervorheben und jede Beschäftigung mit Studienrichtungen wertschätzen. Abwertende Aussagen wie “Das bringt nichts” oder “Das ist nichts für dich” bremsen hingegen Motivation und Neugier.
Auf den ersten Blick wirkt die Studienwahl wie ein komplexes Strassennetz voller Regeln, Sackgassen und Einbahnstrassen. Wer jedoch lernt, die eigene Bildungsbiografie als Weg mit vielen Abzweigungen, Umwegen und überraschenden Entdeckungen zu betrachten, kann sich freier darin bewegen – und wird die eigene Zukunft aktiver und mit mehr Freude gestalten.
Der neu aufgeschaltete Studiennavigator auf unserer Plattform www.studiennavigator.ch kann helfen, die Vielfalt der Studiengänge zu erkunden und interessierende Studien zu identifizieren.
Quellen:
Fredrickson, B. L. (2001). The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226.